Alternative Wege zur Rettung aussterbender Arten in Deutschland

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(Werner Kunz, Juli 2020)

Der Rückgang vieler Arten in den letzten Jahrzehnten in Deutschland ist in aller Munde. Die Intensivierung der Landwirtschaft, Düngung und Gifte und der Klimawandel werden immer sofort als Ursachen genannt. Was oft vergessen wird, ist die Tatsache, dass unsere gesamte Landschaft seit der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts deutschlandweit eine Struktur annimmt, die es seit Jahrhunderten (vielleicht sogar seit dem Ende der Eiszeit) nie gegeben hat. Sanddünenlandschaften, Heiden und weite Geröllflächen (wie z.B. vor zwei Jahrhunderten Teile des Thüringer Beckens oder noch vor hundert Jahren das Lechfeld südlich von Augsburg) verschwinden, Feucht- und Schlammflächen wurden entwässert, und Alles wird von Wäldern überwuchert. Die Landschaft verändert sich in einer Richtung, die nicht den Bedürfnissen vieler gefährdeter Arten entspricht.

Viele Menschen wissen nicht, wie früher die Landschaft in Deutschland ausgesehen hat. Sie sehnen sich nach Wald und setzen den Begriff Natur oft mit Wald gleich. Der Wunsch nach Wildnis und die Wertschätzung von Wald-Nationalparks sind hoch im Kurs. Es wird nicht bedacht, dass menschliche Eingriffe in die Landschaft nötig sind, um die Entstehung einer Vegetationsstruktur zu verhindern, die es seit der Eiszeit offenbar nie gegeben hat. Wenn wir die Natur langfristig sich selbst überlassen, tun wir vielen gefährdeten Arten keinen Gefallen.

Die Eiszeiten haben in Mitteleuropa den Großteil der hier heimischen (endemischen) Arten der ursprünglichen artenreichen Fauna und Flora des ausgehenden Tertiärs zerstört. Die hohen Gebirge des Südens und Südostens haben für viele Arten die Ausweichmöglichkeiten versperrt. Als die Eismassen zu Beginn des Holozäns zurückwichen, gaben sie große leere Räume frei, die von Tieren und Pflanzen aus dem Osten und Süden neu besiedelt wurden. Und diese Arten kamen größtenteils nicht aus dichten Wäldern. Viele der heute in Mitteleuropa lebenden Tierarten sind keine einheimischen Mitteleuropäer. Sie haben ihr Kernvorkommen auch heute noch in anderen Ländern. Es gibt heute kaum endemische Arten in Mitteleuropa. Die meisten Arten haben einen Migrationshintergrund. Kein einziger Tagschmetterling ist wirklich ein “deutscher” Tagfalter; er ist allenfalls ein (auch) in Deutschland vorkommender Falter.

Ein Großteil der Einwanderer ist nicht an dichte Wälder angepasst, sondern an die offenen Landschaften des Ostens und Südens Europas und Westasiens, dort wo die Arten herkommen. Die Einwanderung der Arten wurde möglich, weil der Mensch als Viehzüchter und Ackerbauer bereits in der Jungsteinzeit in die nacheiszeitliche Wiederbewaldung eingegriffen hat und Teile der mitteleuropäischen Landschaft in Offenflächen umgestaltet hat, die denen des Ostens und Südens Europas glichen. Homo sapiens kommt aus den Savannen Ostafrikas. Er mag die Wälder nicht. Sie hindern ihn am weiten Blick und sind voller Gefahren. Die Forestophobie des Menschen hat sich in Deutschland erst dann gewandelt, als vor dreihundert Jahren das Holz als Rohstoff zur Mangelware wurde und Carl von Carlowitz sich für Nachhaltigkeit und Aufforstung einsetzte, und dann vor zweihundert Jahren, als während der napoleonischen Befreiungskriege der Wald zum Inbegriff der Romantik und des Deutschtums wurde.

Bis vor wenigen Jahrhunderten hat der Mensch die Wälder immer beseitigt. Das kam vielen Tierarten entgegen. Nur weil der Mensch in Mitteleuropa manche Biotope neu geschaffen hat, konnten viele der hier heute vorkommenden Arten überhaupt erst einwandern. Feldlerchen sind Steppenvögel, die bei uns auf Wiesen- und Ackerflächen leben; Haubenlerchen sind Vögel der Halbwüste, die bei uns auf Gleisanlagen und Industriebrachen leben; Goldregenpfeifer sind Vögel des nordischen Fjälls, die nach Nord-Mitteleuropa einwandern konnten, weil Gras- und Heidenflächen durch Schafbeweidung entstanden sind und weil die Hochmoore entwässert wurden; Birkhühner leben im Gebirge an der Baumgrenze oder hoch im Norden und wanderten ein, als der Mensch in Mitteleuropa durch Entwaldung und Moorentwässerung die geeigneten Biotope geschaffen hat. Nahezu alle Lebensräume, die in Mitteleuropa von Orchideen besiedelt sind, sind Standorte, an denen der Mensch die natürliche Entwicklung der Vegetation verhindert hat.

Viele artenreiche und daher als Naturschutzgebiete ausgewiesene Kleingewässer haben nur wenig mit Naturgebieten oder gar Wildnis zu tun. Sie sind nicht natürlich entstanden, sondern aus ehemaligen Torfstichen, Fischzucht-Teichen oder Wassermühlen hervorgegangen. Die Ziegen- und Schafbeweidung auf mitteldeutschen Berghängen schuf Brachflächen, die zu optimalen Schmetterlingsbiotopen wurden. Mitteleuropa besitzt außer den Hochalpen und einigen Stellen an den Meeresküsten seit mindestens tausend Jahren fast keine natürlichen Landschaften mehr. Viele Habitate seltener Arten müssen nicht vor dem Menschen, sondern vor der Natur geschützt werden, weil die natürliche Sukzession in Form von Verbuschung und Verlandung das Habitat als Lebensraum der Arten zerstören würde. Viele heute in Mitteleuropa lebende Arten können nicht in Landschaften leben, die hier entstehen würden, wenn man die Natur sich selbst überließe und der Mensch aufhören würde, in die Natur einzugreifen.

Die Heimat vieler bedrohter Arten sind in Deutschland die Offenflächen. Das waren früher die Äcker, Wiesen und Weiden und die von Schafen und Ziegen bevölkerten Heiden und Gebirgshänge. Alle diese Habitate sind durch die Intensivierung der Landwirtschaft oder durch Einstellung der Bewirtschaftung und vor allem auch durch hemmungslose Aufforstung zu dicht bewachsenen Flächen geworden und damit für die meisten Offenland-Arten unbewohnbar geworden. Als Ersatz für die verschwundenen karg bewachsenen Flächen sind in den letzten Jahrzehnten Rohstoffabbauflächen (Braunkohle, Kies, Quarz), Militärgelände und Industriebrachen entstanden. Dort haben sich viele der von den Landwirtschaftsflächen vertriebenen Arten erfolgreich angesiedelt. Auch bevölkern viele verlorene Arten nun verstärkt die Nordseeinseln, weil dort karge, lockere Böden und baum- und buschfreie Flächen zur Verfügung stehen, so z.B. Kornweihen, Sumpfohreulen, Steinschmätzer und der Mittlere Perlmuttfalter. Alle vier sind Arten, die im gesamten übrigen Deutschland vom Aussterben bedroht sind.

Diese Flächen sollten eine Orientierungshilfe sein, wie der Artenschutz in heutiger Zeit aussehen müsste. Es ist eine Illusion, die verlorenen Kiebitze, Rebhühner oder Bekassinen der kargen Äcker und Nasswiesen durch Extensivierung der Landwirtschaft zurückzugewinnen. Das könnte man nur erreichen, wenn die Getreidefelder wieder voller Sandflächen und Unkräuter sind, wenn die Heiden wieder voller Wanderdünen sind oder wenn die Wiesen wieder morastig, buckelig und von Binsen durchsetzt sind. Das was uns Rohstoffabbauflächen, Militärgelände und Industriebrachen vorgemacht haben, das könnten Landschaftsgärtner, Land- und Forstwirte mit ihren Know-how und ihrem technischen Gerät auf ausgewiesenen Sonderflächen (die neben den landwirtschaftlichen Ertragsflächen angelegt werden müssten) nachmachen. Dazu brauchen wir Flächen und Geld. Aber die geplante Extensivierung der Landwirtschaft und die Düngeverordnung kosten auch Geld. Wir brauchen keine Ranger; wir brauchen Gärtner.

Es fehlt nicht an Know-how, wie Biotope angelegt werden müssen (und auch nicht an Geld), sondern an der Bereitschaft der Politik und der Naturschutzverbände, sich zu einem Artenschutz durchzuringen, der von der Mehrheit der Bevölkerung nicht gewünscht ist, weil üppiges Grün, Wald und Wildnis gewollt werden und es an Einsicht fehlt, dass gerade die (für uns Menschen) weniger ästhetische Biotope die Artenparadiese sein können. Die besonders in Deutschland verbreitete Sehnsucht nach unberührter Natur strebt andere Ziele an als die Rettung des in Mitteleuropa schwindenden Artenreichtums.

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